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Engagement in der Rushhour des Lebens – wie geht das?

Eigentlich kann und sollte bürgerliches Engagement zurzeit kein Thema für mich sein: Ich studiere in Vollzeit, wir haben zwei Kinder, mein Mann und ich haben ein Mehrfamilienhaus gekauft, das wir nach und nach sanieren. Wir haben einen Hund und im Garten wuchert der Giersch. Zwischen Haushalt und Kindererziehung, Vorlesungen und Hausarbeiten, bleibt nicht viel Zeit übrig - nicht für mich und nicht für Engagement. Meine freie Zeit fängt an, wenn die Kinder im Bett sind und dann fühle ich mich häufig zu erschöpft, um sie zu genießen oder sinnvoll für mich zu nutzen. Trotz alledem beschäftigt mich das Thema Engagement. 

Zugezogen in eine engagierte Dorfgemeinschaft


Ich bin nicht von hier. Ich bin nicht mal in Deutschland geboren. Ich bin vor 15 Jahren mit Anfang 20 nach Berlin gezogen. In meinen Zwanzigern habe ich keine Heimat gebraucht. Es war schön mobil zu sein und mir dabei alle Möglichkeiten offen zu halten. Jetzt lebe ich mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in einem Dorf im Hochsolling. Der Beruf meines Mannes hat uns vor vier Jahren hierher verschlagen und eigentlich hatten wir nicht unbedingt die Absicht, auch hier zu bleiben. Inzwischen allerdings wünschen wir uns Heimat und fühlen uns hier wohl.

Obwohl das Dorf klein ist, sind die Angebote für Familien wirklich vielfältig. Es gibt eine Grundschule und einen Kindergarten, eine Mutter-Kind-Gruppe, einen Sportverein, eine Freiwillige Feuerwehr, einen Heimatverein und bestimmt noch einiges mehr. Diese soziale Infrastruktur gibt es, dank den vielen engagierten Menschen im Dorf. Da leitet etwa meine Nachbarin einen Yogakurs und eine Mutter, die ich aus der Kita meines Sohnes kenne, macht das Mutter-Kind-Turnen. Schon oft, sollte unsere kleine Schule geschlossen werden – aber durch das Engagement unseres Ortsrates besteht sie noch. Viel deutlicher als in der Stadt wird mir hier bewusst, wie viel vom Engagement einzelner Menschen abhängt.


Der Wunsch „endlich anzukommen“ und die Hürden


Vor diesem Hintergrund möchte ich selbst aktiv werden. Vieles treibt mich an. Einer der Hauptgründe ist sicher  der Wunsch endlich anzukommen und eine Heimat für mich und meine Familie zu finden. Auch der Wunsch nach Abwechslung und Ausgleich in einem stressigen Alltag, der Wunsch mich einzubringen und etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft zu tun, der Wunsch neue Menschen kennen zu lernen und mehr über das Dorf zu erfahren – all das motiviert mich. Gleitzeitig bin ich verunsichert: Schaffe ich noch etwas Zusätzliches? Kann ich mir die ‚Mehrarbeit‘ zutrauen? 

Ich sehe dabei kleinere und größere Hürden, so zum Beispiel die Versorgung mit Informationen. Nur wenige örtliche Vereine sind im Internet vertreten und falls sie es doch sind, dann sind die Daten oft sehr spärlich oder nicht aktuell. Ich habe keine Vorstellung davon, was es für Aufgabenbereiche in den verschiedenen Vereinen gibt und was für einen Zeitaufwand diese in Anspruch nehmen würden. Meine Kinder sind in verschiedenen Vereinen aktiv und ich könnte natürlich an den Vereinssitzungen teilnehmen, um mich zu informieren. Aber sie finden immer abends statt – genau dann, wenn ich die Kinder zu Bett bringe.

Auch die unterschiedlichen Bedürfnisse innerhalb meiner Familie sind eine Herausforderung: Meine Kinder sind zwei und sieben Jahre alt. Ich finde es großartig, dass es viele verschiedene Angebote für sie gibt. Für mich allerdings ist das Ganze mit einem gewissen Koordinationsaufwand verbunden: Während der Kleinere sich im Mutter-Kind-Turnen austobt, muss der Größere betreut werden, dazu kommen Fahrerei und Warterei. Die größte Hürde ist jedoch die knappe Ressource Zeit. Ich habe das Bedürfnis einen Weg zu finden, mein Studium, die Familie und die Freizeit unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig habe ich die Sorge, dass es mir dann doch zu viel wird, wenn ich eine zusätzliche Verpflichtung im Engagementbereich auf mich nehme. Das würde meinen ohnehin stressigen Alltag für mich womöglich noch stressiger machen.


Das ideale Engagement


Mein ideales Engagement wäre eines, das mir einerseits einen Ausgleich und gleichzeitig die Chance bietet, mit anderen in Austausch zu kommen. Es wäre ein Engagement, wo ich Energie und Freude tanken könnte. In meinem idealen Engagement können mehrere Generationen gleichzeitig aktiv werden. Ich würde mich über das Internet auf dem Laufenden halten können und - falls es nicht anders passt - per Videokonferenz an Sitzungen teilnehmen. Außerdem wünsche ich mir die Möglichkeit mich zeitweise in kleinen Projekten aktiv einzubringen. Natürlich ist im realen Leben nicht alles perfekt, aber ich frage mich, ob es wenigstens in den Ansätzen diese Form des Engagements geben könnte oder ob es sie bereits gibt? Ist ein Engagement mit einem Mehrwert für mich und die Anderen in meiner jetzigen Lebensphase möglich?

7. Juli 2021
 


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