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Wie die Bücherzelle ins Dorf kam

Margitta Kolle, Dorfmoderatorin und Vereinsvorsitzende von „Gemeinsam für Spanbeck e.V.“, erzählt, wie sie gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen in ihrem Dorf Veränderungsprozesse anstößt. Dabei entstand eine Bücherzelle zum Büchertausch. Auf diesem Weg können alle im Dorf Bücher verschenken oder kostenfrei mitnehmen. Die Bücherzelle wurde im Rahmen eines größeren Projektes zur Erneuerung der Dorfmitte eingerichtet. 


Ehrenamtliche Margitta Kolle berichtet über ein Projekt zur Belebung der Dorfmitte


Margitta, ihr habt mitten in eurem Dorf eine hübsch bemalte alte Telefonzelle stehen, in welcher Bücher getauscht werden können. Wie ist es dazu gekommen?

Im Rahmen der Fortbildung zur Dorfmoderation, die ich 2014 zusammen mit meinem Bürgermeister gemacht habe, haben wir uns die Aufgabe gestellt, die Alte Schule in der Dorfmitte, das Gemeindehaus der Kirche, wieder ins Zentrum des Dorfes zu rücken. Wir wollten eine Barrierefreiheit in der Alten Schule herstellen, indem wir mittels Fördergeldern neue Toilettenanlagen und Wege gebaut haben. Und in dem Zuge haben wir vor dem Gebäude einen kleinen Mehrgenerationenpark geschaffen. Mit einer Boule-Bahn, mit Outdoor-Fitnessgeräten, mit Sitzmöglichkeiten. Und so bot es sich an, auch eine Bücherzelle anzuschaffen. Das war also unser kleines i-Tüpfelchen. Dann kann man im Schatten der Bäume sitzen, und sich ein Buch aus der Bücherzelle nehme und lesen, man kann es dann mit nach Hause nehmen, und bei Gelegenheit ein anderes mitbringen. Das ist auch eine schöne Verknüpfung mit der Alten Schule, in der früher die Gemeindebücherei des Fleckens Bovenden untergebracht war.

Woher bekommt man eigentlich eine Bücherzelle?

Wir haben unsere ehemalige Telefonzelle durch einen Zufall bekommen. Auf dem Weg mit dem Fahrrad ins Freibad habe ich sie auf dem Gelände eines Landwirtes entdeckt. Ich habe dann das Besitzer-Ehepaar angerufen und gefragt, was sie mit der Telefonzelle vorhaben und ob ich sie vielleicht erwerben könnte. Und tatsächlich konnte ich sie gegen Selbstabholung und letztendlich sogar geschenkt übernehmen. Aber tatsächlich kann man alte Telefonzellen auch bei der Telekom erwerben. In der Nähe von Berlin gibt es den „Alte-Telefonzellen-Friedhof“, sie kosten zwischen 400 und 500 Euro. Und man muss dann schauen, wie man sich einen Transport organisiert.

Anmerkung der Redaktion: Gelbe Telefonzellen sind inzwischen nicht mehr offiziell zu erwerben. Für grau/magentafarbene Zellen kann man bei der Telekom anfragen. Der sogenannte Telefonzellenfriedhof befindet sich brandenburgischen Michendorf.

Und wie transportiert man die alte Telefonzelle dann in sein Dorf?

Dafür habe ich einen Landwirt aus unserem Dorf gewonnen, der sie dann ehrenamtlich mit seinem Trecker abgeholt hat.

War es schwierig, einen Ort zum Aufstellen zu finden? Brauchtet ihr dafür eine Genehmigung?

Wir haben die Besitzer der zwei betroffenen Grundstücke gefragt, ob wir die Bücherzelle dort aufstellen dürfen. Und das war kein Problem, das durften wir. Die Aufstellung war Teil des schon beschriebenen größeren Projekts. Dafür waren wir Bauherren und haben den Umbau zusammen mit einem Architekten begleitet. 

Ihr habt auch ein Fundament gegossen und einen kleinen Weg dorthin angelegt? Wie ging das?

Im Rahmen der Umbauarbeiten des gesamten Platzes wussten wir schon, an welchem Ort die Bücherzelle installiert werden soll. Wir haben dann da schon während der anderen Umbauarbeiten das Fundament gegossen und eine Zuwegung gelegt. Darüber hinaus haben wir auch die Möglichkeit geschaffen, Licht in die Zelle zu legen. Einige Arbeiten haben wir in Auftrag gegeben, andere haben Ehrenamtliche aus dem Dorf übernommen. Wir haben auch alle interessierten Dorfmitbewohner*innen im Rahmen einer Versammlung über die geplanten Bauarbeiten informiert. Zuerst konnte sich niemand vorstellen, was das wird. Das änderte sich aber, als tatsächlich die Bauarbeiten gestartet sind. Und wir hatten dann für die Umbauphase eine WhatsApp-Gruppe. Da stand dann mal sowas wie: Wir brauchen morgen mal sechs Leute, die Kies schaufeln. Und das hat gut geklappt. Und relativ schnell haben sich dann Leute gefunden, die mit Schubkarre und Schaufel zum Helfen gekommen sind. Es war toll, diesen Zusammenhalt zu sehen. Und durch das Ganze ist dann das Wir-Gefühl gestiegen.

Wie habt ihr die Bücherzelle finanziert?

Die Bücherzelle haben wir kostenfrei bekommen, aber die Entrostung und die Farbe, das haben wir dann aus unserem Vereinsguthaben heraus finanziert. Wir sind ein Verein, der keine Mitgliedsbeiträge nimmt, sondern wir möchten, dass die Menschen sich einbringen: Mit dem, was sie gut können, z.B. Kuchen backen, Tischler- oder Elektroarbeiten oder ähnliches. Wir machen aber Veranstaltungen. Und aus den Überschüssen bei den Veranstaltungen oder mögliche Spenden können wir dann wieder Dinge anstoßen, die für alle im Dorf nutzbar sind. Für die großen Veränderungen in der Dorfmitte haben wir vom LEADER-Programm und vom BuLe-, das ist das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Fördermittel bekommen.

Ich habe gehört, es waren und sind viele Leute an dem Projekt beteiligt. Wie habt ihr so viele Leute dafür gewonnen, sich zu beteiligen?

Also entweder über persönliche Ansprache, oder über unseren Verein. Corona-Pandemie-bedingt gab es Einschränkungen. Normalerweise laden wir zu Veranstaltungen und auch Versammlungen ein. Diese werden unter ein Thema gestellt wie z.B. „Unser Dorf hat Zukunft“, „digitale Kommunikation“, „Frühjahrsaktion“ usw. Wir stellen Ideen vor oder erarbeiten Ideen mit den Bürgern! Es sind immer viele Interessierte gekommen, um über die Zukunft des Dorfes nachzudenken.

Für die fertige Bücherzelle haben wir ein Ehepaar aus dem Ort gefunden, dass sich liebevoll um die Bestückung und Betreuung der Bücherzelle kümmert. Diese Aufgabe haben wir ganz bewusst weitergegeben, weil wir aus dem Vorstand heraus nicht alles alleine abdecken können. Wir hatten dann im Vorfeld einer Versammlung aufgeschrieben, welche Aufgaben wir, der Vorstand, gut abgeben können und gefragt, wer sich vorstellen könnte etwas zu übernehmen. So haben wir die Freiwilligen gefunden.

Wie lange hat es von der Idee bis zur Aufstellung gedauert?

Von der Idee bis zur Umsetzung hat es dann so 1,5 - 2 Jahre gedauert, auch weil sie Teil der größeren Generationen-Park Idee war, die so um 2015 entstand. Daher haben wir die Bücherzelle zum Entrosten erst mal bei einem Bekannten untergestellt.

Wie wurde die Bücherzelle dann in Betrieb genommen?

Im Sommer 2018 haben wir die Umgestaltung der Alten Schule und die Eröffnung des Bürgerparks mit einem Fest gefeiert. Und die Bücherzelle gehört dazu. Der Plan war, dass zur Eröffnungsfeier alle Kinder des Dorfes auf der Bücherzelle einen Handabdruck hinterlassen. Wir haben glücklicherweise jemanden, der als Dekorateur tätig ist. Er kann auch Malen und hat die Zelle dann ein bisschen gestaltet, zum Beispiel mit einem Bücherwurm und Blumen. Und bei den Handabdrücken: das waren erst die Kinder. Und als noch viel Platz war, haben dann auch viele Erwachsene sehr gerne ihren Handabdruck hinzugefügt. Für die Haltbarkeit hat das Ganze dann noch eine Lackschicht bekommen. Und innen sind Regale angebracht worden.

Wie wird die Bücherzelle jetzt angenommen?

Also es gibt einen regen Austausch in der Bücherzelle. Und sogar Leute aus anderen Ort kommen, um nach Büchern zu schauen… Die Zelle wird auch immer mal wieder aufgefüllt, z.B. aus Spenden. Wir haben auch nicht nur ältere, sondern auch sehr aktuelle Bücher. Und wenn Bücher ausgelesen sind, dann werden sie an soziale Einrichtungen weitergegeben.
 

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die auch so eine Bücherzelle oder ein anderes Projekt für ihr Dorf verwirklichen wollen?

Wichtig ist es, sich Mitstreiter für ein Projekt zu suchen, immer beide Seiten zu sehen und Akzeptanz für das Projekt zu schaffen.

Gerne wollen wir allen, die euer Projekt nachahmen wollen, eine Checkliste mit auf den Weg geben. Wie sieht eine kurze To-do-Liste für die Realisierung einer Bücherzelle aus?

  • Idee konkretisieren: Wofür brauchen wir eine Bücherzelle? Wie groß sollte sie sein?
  • Mitstreiter*innen finden
  • Grundgerüst besorgen
  • Finanzierung sicherstellen
  • Genehmigungen einholen
  • Fundament gießen
  • Transport organisieren
  • Lack aufbereiten (entrosten, bemalen, lackieren…)
  • Innenausbau planen und durchführen
  • Mit Büchern befüllen
  • Einweihungsparty organisieren
  • zuständige Freiwillige finden, die die Bücherzelle betreuen

 

Und als letzte Frage: Was ist euer nächstes Projekt?

An prägnanten Orten oder Häusern haben wir Tafeln aufgehängt. Sie weisen darauf hin, was an diesen Stellen und Häusern besonders ist. Am Thie-Platz soll auch nochmal eine Karte entstehen, wo die im Ort angebrachten Tafeln noch einmal zusammen dargestellt werden. Und wir wollen diese über kurz oder lang auch mit QR-Codes versehen. 

Ansonsten beschäftigen wir uns noch mit dem Thema Wohnen im Alter. Das ist aber ein größeres Projekt, was auf eine längere Zeit hin angelegt ist.



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